ÖRM 2019

Es war mal wieder Ötztaler…

Au Revoir liebes Finisher-Trikot 2019. Es waren schöne Tage mit dir. Vor ein paar Tagen musste ich mich von meinem Ötztaler Trikot verabschieden. Nein, keine Angst, ich wurde nicht disqualifiziert oder so. Es hatte doch ein größeres Loch am Ärmel und als ich es am Sonntag, eine Woche nach dem Alpenritt zur Ausfahrt das erste Mal „zeigen“ wollte, stellte ich das Malheur fest. Es hatte am Ärmel ein kleines Loch neben der Naht.

Sah nach einem klassischen Produktionsfehler aus. Also fix das Orga-Team kontaktiert und das Trikot auf die Reise nach Sölden geschickt. Bon Voyage und ich freue mich auf deinen Bruder/Schwester (hoffentlich in ein paar Tagen, so lange das Wetter noch schön ist). Vielleicht wird es auch nur einmal die Straßen in und um Hannover sehen und wandert dann hinter Glas und kann wie ein Bild von Picasso bewertet und bewundert werden.

 

Vorbereitung:

 

Die Vorbereitung zum Ötztaler ist immer die Gleiche…Am ersten Februar registrieren und auf Losglück warten. Um die Zeit ein wenig zu verkürzen, kann man den Februar aber auch direkt zum Trainieren nutzen. Für das Abenteuer Ötztaler kann man bekanntlich nicht früh genug anfangen. Leider gab es relativ früh einen ersten Dämpfer, als bei einer Trainingstour bei bestem Winterwetter (Temperaturen knapp über 0°C und viel Nieselregen) mein Rad und vor allem mein Knie Bekanntschaft mit einem Poller am Maschsee in Hannover machten. Dann hieß es erstmal 3 Wochen kein Training und das Knie ruhig halten. Die Heilung verlief sehr gut und so konnte ich nach drei Wochen wieder leichtes Training auf der Rolle machen und dann auch recht flott wieder auf der Straße fahren. Die Vorbereitung lief weiter und sehr positiv.

 

 

Durch meine Bike Camps im Harz (Termine und Anmeldung >>HIER) konnte ich auch persönlich stabil und unter besten Voraussetzungen die Form aufbauen. Im Juni gab es dann wieder einen Trainingsausfall von zwei Wochen, weil mein Sohn etwas kränkelte und so einiges aus der Krippe und dem Kindergarten mit nach Hause gebracht wird. Aber der größte Lerneffekt daraus – Form und Leistung geht gar nicht so schnell verloren, wie man denkt. Das predige ich auch immer meinen Sportlern und Sportlerinnen, kann aber das Gefühl durchaus nachvollziehen. Ab Juli mit Bike Camp Harz BERG und vielen langen und auch frühen Einheiten am Wochenende war deutlich der Formzuwachs erkennbar und es wird besser und besser. Mit der letzten langen Einheit am Samstag in der Woche vor dem Ötztaler hatte ich gut 5.500km auf der Straße und weitere 1.000km Zwift in den Beinen. Ein gutes Niveau für das Abenteuer Ötztaler Radmarathon. Das Material wurde gecheckt, die neue 11-30iger Kassette montiert und schon begann die Abreise in Richtung Ötztal. Davon, dass 36-30 schön ist, aber 36-32 besser, werde ich noch später näher berichten ;-)

 

Anreise:

Das Auto war beladen und pünktlich um 06:00 Uhr starteten wir am Freitag in den Süden. Die Anreise war erholsam und stressfrei. Bis auf kleinere Staus vor der Grenze, kamen wir flink durch und waren um 16:30 Uhr in Sölden. Wir bezogen kurz unsere Pension in Zwieselstein und holten direkt die Startnummern in der Freizeitarena Sölden ab. Dort traf ich auch meinen Athleten Timo, den ich über mehrere Wochen auf den Ötzi vorbereitet habe und der sehr akribisch nach meinen Trainingsvorgaben alle Einheiten perfekt absolviert hat.

 

Eine der wichtigsten Einheiten zur Vorbereitung auf ein Radevent dieser Art ist die Vorbelastung am Vortag des Rennens. Der Körper soll damit in eine Art „Bereitschaftszustand“ versetzt werden, um so am folgenden Tag bestmöglich und ohne lange Vorlaufzeiten in den Wettkampf zu finden. Nach einer sehr guten Nacht (die vorletzte Nacht vor dem Wettkampf ist wichtig) und einem guten Frühstück starteten Timo und ich um 10.00 Uhr zum Einrollen.

 

 

 

Eine große Menge Radfahrer kam mir aus Sölden entgegen in Richtung Timmelsjoch und Venter Tal. Warum macht man das? Eine Vorbelastung dient der Aktivierung des Organismus und soll keine intensive Einheit sein. Eine Fahrt nach Vent mit über 600hm ist da eindeutig viel zu viel. Auch die Fahrt zum Timmelsjoch ist für den Vortrag viel zu viel. Wir haben uns am Rennen orientiert und sind die ersten 15 Kilometer runter bis Längenfeld gefahren und haben uns die kritischen Stellen angeschaut. Zurück in Richtung Sölden gab es dann noch ein paar Intervalle (1‘ oberer GA2-Bereich, dann eine 1‘ Easy, dann 2’ Intervall usw.) In Sölden fuhren wir entspannt am Fluss entlang in Richtung Freizeitarena und Zielbereich und schauten uns dann das überdimensionale Ötztaler Trikot an, welches aus unzähligen Trikots der letzten Jahre erstellt wurde.

Danach fuhren wir weiter in Richtung Zwieselstein und die ersten Kehren in Richtung Timmelsjoch. Dieser Abschnitt ist besonders wichtig, um am Renntag den Schwung durch Zwieselstein in den kleinen Gegenanstieg in Richtung Sölden mitzunehmen. Wenn man weiß, wo man es richtig rollen lassen kann, dann fährt man sicherer und verschenkt keine Zeit. Danach ging es zum Mittagessen und am Nachmittag noch ein bisschen durch Sölden. Ich musste nochmal in die Freizeitarena, da weder Sicherheitsnadeln, noch Befestigungen der Lenkernummer in meinem Starterbag waren. Am Abend gab es eine große Portion Pellkartoffeln mit Quark und nach der Fahrerbesprechung (dieses Jahr zum Glück Live bei Ötztal TV im Fernsehen) ging es um 21:00 Uhr ins Bett.

Renntag:

Es ist 04:55 Uhr…Meine Augen gehen auf, 5min. vor dem Wecker. Typisch für einen Tag, an dem großes bevorstehen soll. Mein Handy ist voll mit Nachrichten. Positive Nachricht und viele, die mir die Daumen drücken. Vielen Dank dafür und schön, dass so viele Menschen in dieser Situation an mich gedacht haben. Zwischendrin eine Nachricht von meinem Kunden Timo. Er will seinen ersten Alpenmarathon unter 10h finishen. Er hat die letzten Wochen und Monate perfekt trainiert und meine Vorgaben super umgesetzt. Doch jetzt streikt die Technik. Kenny…hast du zwei 2032iger Knopfzellen für meinen Powermeter? Die hatte ich tatsächlich in meiner Werkzeugkiste, da auch ich die 2032iger für die Stages Wattmessung brauche. Lustigerweise machte genau diese am Start bei mir Schlapp und erst die holprige Abfahrt vom Kühtai über die Weidegitter aktivierte die Wattmessung bei mir wieder. Nach einer letzten Henkersmahlzeit (ich schwöre hier auf Altbewährtes…also 4 Scheiben Toast mit Marmelade, Käse und Nutella, dazu einen Kaffee und zwei Gläser Wasser + eine halbe Banane) ging es pünktlich um 05:50 Uhr zum Start nach Sölden. Von Zwieselstein sind es bei langsamem Tempo (wir wollen das Laktat ja so lange wie möglich schlafen lassen) gute 7min bis zum Start nach Sölden. Kurz hinter der Gaislachkoglbahn habe ich mich mit Timo und seiner Frau getroffen. Die Batterien an Timos Leistungsmesser wurden getauscht und die Wartezeit bis zum Start verging wie im Flug. Schon waren wir auf der Abfahrt in Richtung Oetz. Hier wird immer wild gefahren und man sollte nicht zu oft auf den Tacho schauen, sondern immer schön vorausschauend und auf den Vordermann. Alle sind aufgeregt und voller Adrenalin. Da gibt es schon riskante Manöver. Die Abfahrt war flott vorbei und schon waren wir in Oetz.

Kühtai max. 18% 1.200HM 18,5KM

Hier stand der erste Anstieg zum Kühtai an (18,5km und 6,8% im Schnitt). Es gab Stausituationen und auch einige Stürze, da mitten auf der Straße angehalten und die halbe Bekleidung gewechselt wird. Für mich völlig unverständlich, warum man sich da umziehen muss und warum man dazu nicht an den Straßenrand fahren kann. Ich machte es mir ganz einfach…Weste auf und Armlinge runter, schon ging es weiter. Den ersten Teil musste ich deutlich unter meiner Pacevorgabe fahren, weil es einfach zu voll war und kein Durchkommen war. So ging es die ersten Kilometer im GA1, statt im GA2 Bereich den Anstiege hinauf. Neben mir gab es einen Sturz, da der Fahrer einfach nicht mehr getreten hat oder treten konnte. Der Ziehharmonika-Effekt war enorm und auch die Fahrer dahinter kamen in Schwierigkeiten. Das war bei meiner letzten Teilnahme 2015 nicht so und es lief doch harmonischer und gleichmäßiger ab. Kurz nach Ochsengarten habe ich dann bekannte Radsportgesichter aus der  Region Hannover entdeckt.

 

Thomas war mit seinem Bruder Axel am Start und wir haben über unser Glück und das tolle Wetter gesprochen. Thomas war 2018 bei Dauerregen unterwegs. Das mag im Anstieg noch gehen, aber diese schnellen Abfahrten bei Regen sind nicht nur Sicherheitsrisiko, sondern auch unglaublich kalt. Schon waren wir am Stausee am Kühtai und die erste Labe stand an.

 

Doch vorher macht das Kühtai seinem Namen alle Ehre. Am Straßenrand stand eine Herde Kühe. Es waren vielleicht 7-8 Tiere und sie ließen sich von hektischen pedalierenden Beinen nicht beirren und grasten gemütlich vor sich hin. Was die wohl über uns 4.500 Radler/innen dachten?!? Eine Kuh machte sich dann doch auf den Weg zur Straßenquerung und anders als die Tiere bei uns (Hunde, Katzen, Vögel oder Tauben) machten die Kühe keine Anstalten auszuweichen. Eine Kuh geht ihren Weg und beschleunigt ihr Tempo nicht. Das muss man als Radfahrer wissen, denn sonst ist ein Crash unausweichlich. Der Fahrer neben mir konnte mit einem beherzten Griff in Richtung Kopf die Kuh kurz stoppen und so seinen Sturz vermeiden und unsere Weiterfahrt sichern. Das Schild  Kühtai war zu lesen. 2020m ü.N.N. Mir kam sofort das Trainingscamp vom Team Lotto Visma in den Kopf, die Jungs trainieren hier regelmäßig in der Höhe. Also hauptsächlich Sleep High und Train Low. Ob die Jungs nach jedem Training wieder hier hochfahren müssen und die 17,4km als Trainingsfinale abspulen? Ich glaube nicht. Der Plan stand… Rad abstellen, Flaschen füllen, essen, Pipi machen. Und schon ging es los. Am Kühtai ist der Andrang immer am stärksten, da das Fahrerfeld noch so dicht ist und jeder keine Zeit liegen lassen will. Schnell die Trinkflasche füllen mit ISO und weiter geht’s. Da war schon mein erster Denkfehler...

 

Denn nicht überall wo ISO steht, ist auch ISO drin. Die Labestationen sind gut aufgeteilt und vom Inhalt her klar getrennt. Also das sich ein Stück Kuchen in der Trinkflasche verirrt ist quasi ausgeschlossen. Leider nicht bei Wasser und ISO. In großen Gießkannen wurden die Trinkflaschen von den fleißigen Helfern gefüllt. Mein Plan war, ab dem Kühtai bis zum Rennende immer mit zwei Flaschen ISO zu fahren. Im Normalfall mache ich eine Flasche ISO und eine weitere mit Wasser zum Spülen, Kopf kühlen usw voll. Als die junge Dame rief: „ISO ISO?“ hielt ich prompt meine Flasche hin und freute mich über den schnellen Service. Beim ersten Blick in die Flasche dachte ich noch: „Oh ziemlich hell, naja vielleicht Powerbar Zitrone“. Später stellte sich heraus, dass es kein ISO war, sondern pures Wasser. Am Rad beobachtete ich noch kurz das Treiben und wartete auf Timo, bis wir uns in die Abfahrt stürzten. Die Wartezeit überbrückte ich mit zwei Scheiben Brot mit Hüttenkäse und einer großen Scheibe Käse. Wir rollten durch die Labe und machten uns fertig für die Abfahrt. Windweste zu, Armlinge hoch und Brille auf die Nase.

 


 

Ab ging die wilde Fahrt 40, 50, 60, 70, 80 km/h. Wenn man nach links und rechts schaute sah es mehr danach aus, als mussten sich die Leute auch mental erst auf die Abfahrt einstellen und rollten die ersten Meter im gleichen Tempo wie bergauf in die Abfahrt. Wer die Abfahrt vom Kühtai kennt, der weiß, dass hier absolute Highspeedwerte auf dem Rennrad erreicht werden. Die Wetterbedingungen waren gut, es gab keinen Wind also konnten wir es rollen lassen. Aber es gibt auch einige kritische Streckenabschnitte bei der Abfahrt und die Weidegitter sind nicht zu unterschätzen. Allerdings sollte man es auch nicht zu sehr in den Fokus rücken. Es sollte klar sein, dass man auf einer etwas glatten Oberfläche nicht lenken und vor allem nicht bremsen sollte. Also einfach drüber rollen.

 

Wenn es zu schnell für einen persönlich ist, dann weit vorher bremsen, so dass man auf dem Gitter die Bremse gelöst hat und den Lenker festhalten kann und gut kotrolliert. Die schnelle Passage hatte allerdings nach der zweiten Galerie bereits ihr Ende gefunden. Ein Sturz am Ende der Galerie sorgte für verhaltenes Fahren, was auch in dieser Situation absolut notwendig war. Am Ende der Galerie stand der Krankenwagen, Helfer sicherten die Unfallstelle ab und große Blinktafeln und Warntöne machten schon in der Galerie auf die Gefahrenstelle aufmerksam. In dieser Situation ist man mit seinen Gedanken bei den gestürzten Fahrern und drückt die Daumen, das alles gut geht. Wir beschleunigten wieder und machten uns weiter auf den Weg ins Tal.

 

Von dort kam uns gerade der Rettungshubschrauber aus Innsbruck entgegen und sorgte für eine schnelle Versorgung der gestürzten Fahrer. Neben dem Crash zur Einfahrt am Kühtai und dieser Unfallstelle erlebte ich keinen weiteren Crash im Rennen. Die Abfahrt vom Kühtai ist, wie gesagt, sehr schön zu fahren, es gibt aber immer noch Fahrer die schneller sind. Hält man sich allerdings an das Rechtsfahrgebot und hält seine Fahrspur, dann sind höhere Geschwindigkeiten kaum möglich. Es gib sie aber dennoch, die Kurvenschneider und Cowboys, die noch nicht verstanden haben, dass man bergab nur verlieren kann und es am Ende keinen Gewinner gibt. Wenn man die anderen Fahrer beobachtet, dann weiß man genau, wer schon öfter längere Abfahrten absolviert hat und wer hier seine ersten Abfahrkilometer sammelt. Wichtig sollte aber sein, dass man sich und sein Rad in jeder Situation und zu jeder Zeit voll unter Kontrolle hat. Durch die Rüttelpassagen an den Weidegittern hatte sich auch mein Stagespowermeter wieder bei mir gemeldet und es ist wohl ein nicht ganz perfekter Kontakt zur Batterie und weniger eine leere Batterie gewesen. Also, alles perfekt. Jetzt kann nach Watt und Puls gefahren werden!

 

 

Und dann passiert es. Ich habe Timo und seine gelbe Windjacke im Visier und wir rollen dem Ende der Abfahrt entgegen. Im Fahrerbriefing wurde kurz vor Kematen auf eine Baustelle hingewiesen, wo von rechts nach links verschwenkt werden muss. Alles klar, hier sind wir nun. Ich blicke nach hinten, kein Fahrer in Sicht und ich wechsele an den linken Fahrbahnrand. Vor mir fährt ein italienischer Fahrer, vielleicht Mitte 20. und sitzt gemütlich auf seinem Rad. Ich komme mit 50-60 km/h angerollt und will ihn überholen und er entscheidet sich dazu, einen größeren Schlenker zu machen und wechselt von ganz rechts nach ganz links, mit ca. 35km/h Fahrgeschwindigkeit. Junge!!!! Warum machst du das? Wechsele einfach die Spur und 3 Fahrer können noch an dir vorbeifahren. Ich lege eine harte Bremsung hin, denn es blieb mir nur die Wahl zwischen Bordsteinkante (zu hoch) und durchdrücken (schlechte Idee, das hat schon im Frühjahr beim Crash mit dem Poller nicht geklappt).

 

Es gab ein kurzes: „Mensch, du Blumentopf“ und weiter ging es. (Blumentopf ist mein neues Schimpfwort gegen Rechtsabbieger ohne zu schauen und weitere Situationen, in denen man doch lieber das A…Wort benutzen möchte). Der Blick nach vorn, doch die Gruppe mit Timo entfernt sich immer mehr.

Wir sind jetzt im Tal angekommen und steuern auf Innsbruck zu. Es kommt eine warme Wand auf uns zu und für einen Moment fällt das Luftholen schwer. Der Temperaturunterschied beträgt hier ca. 10-15 Grad und dick angezogen merkt man es schnell. Der einzige große Richtungswechsel nach Innsbruck steht an und am Kreisverkehr wird hart nach rechts abgebogen. Die Gruppe ist noch in Sichtweite… Mir wird warm, Weste aufmachen, schlechte Idee, dann fahre ich ja wie ein Segel durch die Gegend. Am Straßenrand stehen die Radfahrer und packen ihre Winterausrüstung wieder ein. Ganz schlechte Idee, wenn man im D-Zug die Flachpassage jenseits der 40km/h passiert und plötzlich vereinzelt am rechten Rand die Fahrer stehen und sich umziehen. Sorry, aber dafür kann man sein Rad auch ein paar Zentimeter höher auf den Bordstein stellen. Ein Fahrer vor mir senkte seinen Kopf und er konnte kurz vor den parkenden Fahrern ausweichen, um eine Kollision zu vermeiden. Jetzt sind wir mitten in Innsbruck. Die Sonne scheint, es ist herrliches Wetter, wir passieren den Flughafen und steuern auf die bekannte Basilika zu. Wir kommen von der Stadtautobahn und fahren weiter in Richtung Innenstadt.

 

Eine Spur für die Radfahrer, eine für die Autos und zwischen uns ein paar Pylonen. Wir biegen rechts ab und vor uns türmt sich die Bergisel-Schanze auf. Welche großen Schlachten hier im Skisprung geschlagen wurden - unglaublich. Vor mir sehe ich Timo und seine Gruppe, uns trennen 150m.

 

Brenner max. 12% 777HM 39KM

Der Anstieg zum Brennerpass beginnt, anfangs etwas steiler, dann gemütlich, immer unterhalb der berühmten Brenner-Autobahn, wo sich die Wohnmobile, Wohnwagen und Autos den Weg nach Italien bahnen. Im Anstieg gehe ich sofort meinen Rhythmus, denn dieser Anstieg kann Fluch und Segen zugleich sein, vor allem heißt es hier kontrolliert fahren und nicht trödeln, aber auch nicht überpacen. Wir fahren über eine große Brücke und die Gruppe mit Timo ist weg. Ich hätte mehr investieren und aufschließen können oder meine Körner für später verschießen können. Am Ende werden uns am Brenner gute 8min voneinander trennen. Fahrer um Fahrer überholt mich und mit dem einen oder anderen komme ich auch ins Gespräch. Wie schnell fährst du gerade und wie viel Watt trittst du? Deine erste Teilnahme? Ein bisschen Smalltalk und plötzlich stelle ich fest, dass 2/3 der Fahrer, die mich beim Einstieg zum Brenner überholt haben, plötzlich keuchend neben mir fahren und bereits Schwierigkeiten haben, den Anschluss zu halten.

 

Vor mir tauchen zwei italienische Radsportkollegen auf. Es sind Traditionalisten. Erkennbar an den neongelben Vereinstrikots und Rädern mit feinsten italienischen Komponenten. Da kurbeln sie auf ihrem Colnago und Willier. Herrlich. Ich genieße es und lasse mich mitziehen. Wir fahren gemütlich mit 25/26km/h bergauf. Der Brenner ist beim Ötztaler der leichteste Pass. Manch einer bezeichnet ihn auch gar nicht als Pass. Wir nähern uns einem richtigen Flachstück, vielleicht sogar ein bisschen Gefälle und vor mir erscheint eine Gruppe am Horizont. Ist es die Gruppe um Timo? Die beiden Italiener blicken sich um, so als ob sie mir sagen wollen…Ciao Kenny Lust von vorne zu fahren? Ich halte für zwei Sekunden innen und entscheide mich, nach einem Blick auf den Tacho, ja, dass könnte wohl gehen. Ich gehe nach vorne und passe mein Tempo an. Nach 1km in der Führung entscheide ich mich, eine Schippe drauf zu legen. Es gibt noch Potential bei den Watt, als auch beim Speed. Ich lege meine geplante Leistung für den Brenner an und kurbele mit 150iger Puls, 225W und 32km/h der Gruppe vor mir entgegen. Ganz wichtig…nur nicht überziehen, dass kostet am Jaufen und am Timmelsjoch doppelt! In Steinach am Brenner bin ich dran und das Tempo passt.

 

Die Gruppe hinter mir habe ich verloren. Wir rollen weiter entlang der Brennerautobahn in Richtung Brennerpass. Ich hatte noch in Erinnerung: in einem engen Tal, kurz vor der Passhöhe wird es nochmal steil und auch deutlich anstrengender. Ich halte Ausschau, noch ist die Passage nicht in Sicht. Wir fahren durch Lueg, ein kleines Dorf, mein Opa würde sagen…hier leben 5 Bauern und drei Strauchdiebe, also klein, urig und sehr gemütlich. Alle Häuser sind mit Holz verkleidet und es durchzieht meine Nase ein Geruch, als ob gerade ein frischer Aufguss in der Sauna gemacht wurde. Hier riecht es nach Holz, aber sehr ordentlich. Am Ende kommt dann auch der Anstieg zum Brennerpass. Wir sind jetzt auf einer Höhe zur Brennerautobahn und am Streckenrand stehen unterhalb der Autobahn die Betreuer, Familienmitglieder und Freunde der Pro’s und habe hier die Versorgungsstation eingerichtet. Ich schaue auf den Radcomputer und die Spitze ist bereits in der Abfahrt nach St.Leonhard und kurz vor dem finalen Anstieg hoch zum Timmelsjoch. Vorbei am Brenner-Outlet und am Brennerbahnhof taucht die Verpflegung auf. Ein paar sortieren sich ganz links ein lassen diese Verpflegung aus. Ok…denke ich mir.

 

Von hier runter nach Sterzing und nach mindestens 90-120min bergauf bis zur nächsten Labe…wer’s schafft?!? Ich stelle mein Fahrrad ab und halte kurz nach Timo Ausschau. Aber der wird wohlmöglich schon wieder unterwegs sein. An den Zelten ist riesiger Andrang. Bei meiner Teilnahme 2015 gab es hier eine richtige Pasta-Station und die Leute schaufelten in sich rein, was das Zeug hielt. Nach meinen eigenen Erfahrungen weiß ich, das zu viel Essen genau das gleiche bewirkt, wie zu wenig. Also die eigene Planung einhalten, gezielt die Kalorien auffüllen. Am Stand für das ISO ist eine große Schlange. Die Zeit vergeht…Ich bin dran, halte meine Flasche hin und die nette Dame sagt: Sorry, das Wasser ist alle. Ok, denke ich. Eistee? Warum nicht, lange nicht getrunken, geschmackvoll und vor allem Zucker. Eine Flasche fülle ich mit Eistee auf, 1/3 Wasser vom Kühtai ist auch noch drin ;-). Ich schnappe mir eine Laugenstange und ein Käsebrot und fülle die zweite Flasche mit ISO. Am zweiten Stand war in der Zeit die Warteschlange kleiner geworden. Ich gehe zurück zum Rad und meine italienischen Begleiter vom ersten Brennerabschnitt tauchen auf. Ich steige wieder auf mein Rad und rolle noch leicht kauend zum großen Mülleimer und leere meine Trikottaschen. Denn anders als bei vielen Mitfahrern landet der Müll nicht auf der Straße oder am Straßenrand, sondern an den Verpflegungsstellen im Müllsack.

 

Wir rollen runter in Richtung Sterzing. Eine Gruppe rollte in D-Zug Manier an mir vorbei. Puh, ein bisschen schnell denke ich mir und fahre mein Tempo weiter. Gleich geht es ja bergab und da kann man es schön rollen lassen. So ist es auch, in der Abfahrt rolle ich wieder an die Gruppe ran. Wie auch im Straßenverkehr gibt es auch bei den Radfahren das Modell Intervallfahrer. Auf der Autobahn beobachte ich immer, wie die Leute mit 120km/h über den Asphalt rollen und dann plötzlich mit 180km/ überholen, um dann wieder für eine Zeit nur 120km/h zu fahren. Unabhängig von der Geschwindigkeitsbegrenzung versteht sich. Und so passiert es auch. Du wirst im Flachen mit 40km/h überholt und in der Abfahrt richten sich die Leute auf und rollen mit 30km/h bergab. Es fehlt dann nur noch eine Decke, ein schönes Buch und ein Kaffee, dann könnten sie auch genauso gut auf der Couch zu Hause sitzen.

 

Wir sind in Sterzing. Hier denke ich sofort an meine Schwiegereltern, wie haben sie nach ihrem Österreich/Italienurlaub von diesem Ort geschwärmt. Sterzing und Gossensass waren über Wochen das Thema Nummer 1. Wir kommen zum Kreisverkehr. Rechts geht es nach Ridnaun, das klassische Trainingsgebiet unserer Wintersportler, wenn die ersten Lehrgänge auf Schnee oder aber auch Bergtouren im Sommer anstehen. Ich überlege kurz, was unsere Biathleten und Langläufer wohl gerade machen. Aber keine Zeit, es geht in den vorletzten Anstieg des Tages. Mehr als die Hälft der 238km sind absolviert, aber ab hier warten noch 2/3 aller Höhenmeter auf mich. Ein Zusammentreffen mit Timo habe ich ausgeschlossen und so sind meine Gedanken bei ihm und einer Zeit unterhalb der 10h Marke. Die ist rechnerisch auch für mich noch möglich, je nachdem wie der Jaufenpass läuft.

 

Jaufenpass  max. 12% 1130HM 15,5KM

Es geht los. Die Straße schlängelt sich am Berg entlang und wir nehmen stetig an Höhe auf. Auf der anderen Talseite liegt eine Straße deutlich über unserer Höhe. In wenigen Minuten werden wir schon oberhalb dieser Straße sein und auf sie herab blicken. Das ist es auch, was den Ötztaler so unglaublich macht. Wieviel Höhenunterschiede hier gemacht werden. Es ist einfach unglaublich und macht wahrscheinlich auch mit der absolvierten Distanz das Rennen zur inoffiziellen Jedermann-Weltmeisterschaft. Ich sage immer: der Ötztaler ist das anspruchsvollste Radrennen, das man als Hobbyfahrer fahren kann. Sicherlich gibt es Rennen, die länger sind, auch mehr Höhenmeter haben, aber diese Kombination beim Ötztaler ist unvergleichlich. Wir sind in Mitten des Anstiegs, der Asphalt ist italienisch, das heißt es gibt Längsrillen, in denen bequem drei Räder inkl. Fahrer dort Platz finden, nein Spaß beiseite, sie sind schon sehr groß und tief, sodass ein Rennradreifen dort drin verschwinden kann. Aber wenn man aufmerksam fährt, dann passt das schon.

 

Ich denke an die Abfahrt, waren die Spurrillen dort auch so groß, lang und so tief? Wir werden es schon bald wissen. Ich fahre mein Tempo 230/240W und max. 160iger Puls. Das sind mein oberer GA2-Bereich und der Bereich, in dem ich im Prinzip bei ausreichender Energiezufuhr unendlich lange fahren kann. Ich überhole Fahrer um Fahrer. Bis zum Gipfel werde ich hier über 61 Fahrer überholen bzw. 61 Plätze gut machen.

Ich höre einen Krankenwagen von hinten mit Martinshorn und beobachte auch hier wieder ähnliche Bilder wie im Straßenverkehr. Ein Großteil der Fahrer schert sofort weit nach rechts und macht dem Rettungsfahrzeug Platz, aber einige Fahrer sind so mit sich und der Situation beschäftigt, dass sie stumpf links fahren und den Weg blockieren. Es ist schon spannend zu sehen, was so eine Rennsituation mit dem Menschen macht und wie der Geist darauf reagiert, oder eben nicht mehr. Der Jaufenpass ist lang, ja, aber auch gut zu fahren. Es geht stetig bergauf 15,5km und im Schnitt mit 7,3%. Es kommen ein paar Kehren und ich lese 1.500hm dazu immer den Schriftzug Kehre/Tornante. Ok, super, wir haben nur noch gute 500hm bis zum Gipfel. Also quasi von Schierke bis hoch auf den Brocken. Das kenne ich ja, das ist machbar. Zur Sicherheit drücke ich mir ein Gel rein und beobachte die Landschaft und natürlich die Räder.

 

Zack, da rollte ein Pinarello Dogma F100 an mir vorbei. Es ist in Celeste lackiert als Hommage an den 100. Geburtstag des Giro d‘Italia. Sehr schickes Teil, wer hat 2017 eigentlich gewonnen? Stimmt, das war Tom Dumoulin, nach einer spannenden letzten Rennwoche mit der einen oder anderen Zwischenpause am Straßenrand, weil es in der Hose drückte. Zurück zum Ötztaler. Am Jaufen ist deutlich weniger los, weniger Zuschauer als 2015, aber auch hier stehen die ersten Fahrer am Straßenrand, tief über den Lenker gebeugt und mit sich selbst im Unreinen. Man sieht an den Gesichtern: hier beginnt der Ötztaler erst richtig. Bin ich schlecht vorbereitet, habe ich am Kühtai oder Brenner zu viel gegeben? Die Verzweiflung steht einigen ins Gesicht geschrieben. Der Ötztaler ist einfach unberechenbar und schwer planbar. Nach einer Linkskurve steht der Krankenwagen am Straßenrand. Ein Fahrer sitzt auf der Straße, das Rad liegt am Rand. Die Beine sind angewinkelt und sein Kopf hängt zwischen diesen. Ganz tief versunken. Bitte schaut mich nicht an, fahrt einfach weiter und ihr lieben Sanis, nehmt mich mit und vergesst mein Rad bitte nicht. Die Skistation Jaufenpass taucht auf.

 

An der Stelle, an der 2015 noch die Verpflegung war, steht dieses Jahr oder heuer, wie hier gern gesagt wird, der Servicewagen von Mavic. Ob der eine oder andere wohl überlegt, ob auch ein E-Antrieb im Sortiment ist? Gute Wahl, dass die Verpflegung umgezogen ist. An dieser Stelle konnten viele Fahrer gar nicht mehr anfahren, denn die Verpflegung am Jaufen ist deutlich unterhalb der Passkuppe, da dort einfach zu wenig Platz ist. 3 Kurven vor dem Gipfel an einem Wirtshaus ist die Verpflegung aufgebaut. Alle Bikeständer sind besetzt und ich stelle mein Rad an eine Mauer und verpflege mich ausgiebig. Es gibt ISO, Apfelschorle, Käsebrot und Laugengebäck. Und weiter geht’s. Die Armlinge sind unten und die Weste ist in die Trikottasche gewandert.

Es beginnt auch hier wieder das große Umziehen einiger Fahrer. Ich entscheide mich nur für die Armlinge und düse in Richtung St. Leonhard. Im Pasaiertal ist es häufig warm, sehr warm. Mein Garmin zeigte hier 2015 40°C. Vor mir sind zwei Fahrer unterwegs und ich hefte mich an ihre Versen/Räder. Die Abfahrt vom Jaufenpass ist die technisch anspruchsvollste, die Geschwindigkeit ist nicht hoch, aber es folgt Kehre auf Kehre. Außerdem sind die Kurven hier häufig leicht versetzt, das heißt es sieht aus, als ob die Kurve nach links geht, es gibt dann aber doch eine Haarnadelkurve nach rechts. Einige überhole ich, die wie auf rohen Eiern fahren, andere überholen mich linksseitig und schneiden Kurve um Kurve. Hauptsache, die Ideallinie stimmt. Am Ende haben diese Fahrer vielleicht eine Minute, wenn überhaupt, auf mich gut gemacht, aber doch einiges mehr riskiert.

 

Wir sind in der Abfahrt vom Jaufenpass. Das muss ich mir regelmäßig vor Augen halten, denn es folgt nur noch das Timmelsjoch und verdammt, was ist mit dieser Straße los, keine Spurrillen, perfekter und vor allem neuer Asphalt. Vielen Dank an die Italiener, großartig, wie ihr das gemacht habt. Die ersten Dörfer tauchen auf, aber es geht gefühlt noch sehr steil nach unten. Hier heißt es nur keinen Fehler machen und vor allem nicht auf der Bremse hängen, denn dann gibt es Überhitzung für das Material. Ich denke an die Fahrerbesprechung zurück…hier sollte die Schlechtwetterfront langsam aufziehen, aber der Himmel ist top, klar mit ein paar Wolken, aber mit knapp 30°C sehr angenehm zu fahren. Wir rollen in St. Leonhard ein. Am Kreisverkehr hart rechts und eine riesige Zuschauermenge steht am Straßenrand und feuert uns an. Klasse und was für eine Motivation für den finalen Anstieg hoch zum Timmelsjoch.

Timmelsjoch max. 14% 1.759HM 28,7KM

Der längste Anstieg des Tages und auch gleichzeitig die Sahne auf der Torte wartet mit 28,7km Anstieg und 6,2% Steigung im Mittel. Eigentlich machbar, aber nach fast 180km schon noch ein Stück Arbeit. Die Fahrer halten wieder an und stehen am Straßenrand. Umziehen ist bei ihnen angesagt. Ich rolle locker in den Anstieg und stülpe die Armlinge runter.

„Hey Kenny“ höre ich es von hinten. Mathias von der Hannover/Lehrte/Hildesheim Connection gesellt sich zu mir und wir tauschen uns ein bisschen aus. Ja, Watt/kg und das eine oder andere Kilo zu viel sind die Themen, bis ich ein wenig rausnehmen muss und Mathias vorbeizieht, immer in Sichtweite und schön sein Tempo fahrend. Perfekt, so sollte man es auch machen. Bloß nicht nach links und rechts schauen und sich verleiten lassen, das geht nach hinten los. Ich muss langsam auch meiner Vorbereitung Tribut zollen. Sie war schon gut, aber noch nicht perfekt. Es hätten ruhig 3-5 Fahrten an die 200km dabei sein können. So geht es auch. Aber meine Vorgabe von 240W schaffe ich jetzt nicht mehr und pendele mich irgendwo bei 220-225W ein. Das muss ja auch über 2Std. getreten werden können.

 

Die stehenden Fahrer am Straßenrand nehmen zu. Ich wünsche mir und hoffe, dass eine Vielzahl von ihnen weiterfahren kann, denn an diesem Punkt hat man eigentlich 90% der Qual schon überstanden. Also warum aufgeben? Es kommt uns eine Gruppe Jugendlicher entgegen, 3 Fahrer auf Hardtails, die einen Wheelie machen und uns wohl zeigen wollen: „Hey Jungs, ich bin Peter Sagan 2.0 und kann auf meinem Hinterrad bergab fahren“… Es ist ein ganzes Stück vom Tal bis hin zur wichtigen Labestation in Schönau. Das wusste ich noch und es zieht sich. Wie ein Kaugummi kommt man nur sehr langsam vorwärts. In einer Kehre hinter Moos fragt mich ein Radsportler: „Wie weit ist es noch bis zur Labe“ Ich sage: „Nur gut 3km“. Es können aber auch noch 5km sein. Ich war mir selber nicht ganz sicher, wollte ihm aber helfen, da die Zerlegung des Ziels in kleine Abschnitte und Ziele enorm wichtig für die Moral ist. Er richtete sich auf und kurbelte konzentriert weiter. Scheint gepasst zu haben.

 

Es wird flacher und das Phänomen Intervallfahrer ist wieder erkennbar ;-) Ich kurbele weiter mit meiner Pace und meinem Rhythmus und überhole wieder Fahrer um Fahrer. Nur weil es flach wird, muss ich doch nicht langsam werden, denke ich mir. Die Gleichmäßigkeit zahlt sich hier am Ende des Tages aus. Neben mir fährt ein Holländer. „Wie weit ist es noch?“ Da sage ich zu ihm: „Schau rüber. Soweit ist es nicht mehr.“ Neben uns eröffnet sich der Blick aufs Timmelsjoch. Ein Blick in die Höhe, der vielen Fahrern Angst macht. „Was - da muss ich noch hinauf?“ Für mich ist es eine Erlösung und ein Glücksgefühl, denn das Ziel ist endlich sichtbar und auch schon bald greifbar. Die Kehren schlängeln sich hoch und man erkennt am Ende den Tunnel zur Überfahrt auf die österreichische Seite des Passo Rombo und die Passhöhe auf 2509m. Der Holländer fängt an zu lachen. „Du bist gut. Nur noch da hoch“ sagt er zu mir. „Ja, nur noch, denn denk mal zurück, was du bis hierhin geschafft hast. Das ist unglaublich und bis dahin sind es vielleicht noch 8km. Nur noch 8km von ca. 100km bergauf. Das ist doch was!“ sage ich zu ihm. Wir unterhalten uns noch und dann biegt er rechts ab und fährt zur Verpflegung seiner Radsportgruppe.

Ich halte in Schönau. Mathias ist auch gerade dort und versorgt sich. Es gibt eine Flasche ISO und einen Becher Cola. Dazu ein Käsebrot. Sehr lecker. Nach kurzer Pause ca. 5min. geht es weiter. Ich hole Mathias ein. Er hängt durch und muss kämpfen, er fällt Stück für Stück zurück. Wir verlieren uns aus den Augen. Hier hört man keine Fahrer mehr sprechen, niemand unterhält sich. Alle Fahrer sind mit sich selbst beschäftigt. Ich denke an unseren Urlaub zurück. Im Sommer 2018 waren wir mit Freunden eine Woche in Sölden und auch mit dem Rad am Timmelsjoch. Für ein paar Fotos sind wir ein Stück die Abfahrt nach St. Leonhard runter, aber nur nicht zu weit, das müssen wir ja alles wieder hochfahren. In dem Moment denke ich an meinen guten Freund Marcin und passiere die Fotostelle aus 2018. Eine Kurve weiter ruft mir der Fotograf von Sportograf zu: „Nur noch zwei Kurven“. Ich schalte nochmal hoch, gehe aus dem Zettel und fühle mich regelrecht herangezogen vom Tunneleingang. Ich verabschiede mich von Italien und fahre in den Tunnel ein.

 

Ein Jubelschrei folgt dem nächsten. Viele Fahrer lassen bereits hier ihrer Euphorie freien Lauf. Im Jahr 2015 wurde ich hier von meinen Gefühlen übermannt und musste auch mit der einen oder anderen Freudenträne kämpfen. Das ist heute fast genauso.

Ich rolle der Passhöhe entgegen und halte meine Pace. Sind Sub10h noch möglich, wohl nicht mehr. Dafür hätte ich am Brenner mehr investieren müssen und auch am Timmelsjoch noch flotter fahren müssen. Egal, jetzt gibt es eine schöne Abfahrt bis Sölden. Gut, nochmal 200hm an der Mautstation. Aber egal. Jetzt halte auch ich an. Oben am Pass ist es kühl und auch der Himmel verdunkelt sich langsam. Trocken werde ich bleiben, aber was machen die Fahrer die jetzt noch 3 Stunden bis zum Ziel brauchen? Windweste drüber und runter geht’s. Die ersten Kehren nach der Passhöhe sind anspruchsvoll. Anbremsen, durch und beschleunigen.

 

Dann kommt die lange Gerade. Hier kann man es richtig rollen lassen, vorbei an der Schmugglerhöhle und hinein in den Gegenanstieg zur Mautstation. Es gibt zwei kleine Kurven. Ja, die kann man aber mit Vollspeed auf dem Oberrohr nehmen. Hier standen doch die Fotografen von Sportograf und haben einen Speedcheck gemacht, also geben wir mal richtig Gas. Leider nein, denn mit Blick auf die beiden Fotojungs merke ich, wie der Wind von vorn aus dem Tal kommt und auch die Seitenwinde zunehmen. Bei 85km/h fängt mein Vorderrand an zu flattern und ich reduzierte dann doch etwas den Speed. Bloß nicht verreißen und stürzen. Der Gegenanstieg kommt und die Kette wechselt wieder in Richtung 30iger Ritzel. An der Mautstation steht wieder eine Gruppe mit Kuhglocken und feuert uns großartig an. Ab durch das rechte Tor und weiter in Richtung Hochgurgl. Immer laufen lassen, vorbei am Hotel Wurmkogel. Hier war, glaube ich, Tony Martin vor zwei Jahren mal im Höhentrainingslager, nicht wie der große Rest hauptsächlich in Livigno oder der Sierra Nevada.

Die Abfahrt vom Timmelsjoch ist sehr schön, geht gut. Wir rollen durch Obergurgl. Eine lange Straße geht durch den Ort. Die Schilder mit 50km/h werden ignoriert und der Tacho zeigt 75km/h. Die Straße ist neu und es rollt super. Jetzt kommt noch eine Galerie, die Almhütte „Sahnestüberl“ und dann Zwieselstein. In der Galerie rollen dann doch zwei, drei Tränen der Freude, das Erreichte ist so groß und das Ziel so nah. Vorbei am „Sahnestüberl“ denke ich an meine Frau und die Kaiserschmarrn die dort schon von uns vertilgt wurden und ich fahre weiter auf die letzten Kehren vor Zwieselstein. Rein in den Ort vorbei an unserer Pension und weiter in die kleine Rampe am Ortsausgang. Auf das kleine Blatt schalten, lohnt sich eigentlich nicht, denke ich mir, und drücke die Gänge über die paar Höhenmeter. Ich öffne meine Weste für das Zielfoto und fahre mit einer kleinen Gruppe in Sölden ein.

Es ist voll und alle jubeln uns an. Ein großartiges Gefühl. Ich höre die Stimme meine Frau, wie sie meinen Namen ruft und kann sie in den Zuschauermassen auch kurz erkennen. Was halt so geht, wenn man mit 45km/h durch den Ort ballert und 200m vor dem Ziel ist.

 

Ich fahre über die Ziellinie. Die Zeit steht, daran lässt sich jetzt nicht mehr rütteln. Top. Ein geiles Event, ein schöner Tag auf dem Rad. Doch viel wichtiger: Was ist mit Timo? Ist es ein Sub10h geworden? Ich schnappe mir eine Banane und eine Cola und verlasse den Zielbereich. Ach so, die Medaille, nein die gibt es hier ja nicht. Beim Ötztaler erhalten alle Finisher und nur die Finisher ein Trikot als Erinnerung an das Event. Ich sehe meine Frau, meinen Sohn und auch Timo mit seiner Frau.

 

Ich schließe meinen Sohn in die Arme und gebe ihm einen Kuss auf die Stirn. Ich umarme meine Frau und möchte sie eigentlich gar nicht loslassen. Welche Abstriche und welchen Verzicht musste sie die letzten Wochen und Monate hinnehmen. Ich bedanke mich bei ihr und bin super glücklich. Dann der Blick zu Timo und Sub10h. Kenny…9:36h Ich bin überwältigt und freue mich, dass er so klar seine Wunschzeit beim ersten Alpenmarathon erreichen konnte und das mein Training so gut funktioniert hat. Jetzt heißt es: Trikot abholen und die Pasta Party genießen und alle Finisher anfeuern. Und vielleicht halte ich mein Ötztaler-Trikot schon wieder in diesem Moment in meinen Händen, wenn du diese Zeilen liest.

 

Vielen Dank.

 Dein Coach Kenny

Fazit: TipTop 9/10 Sterne

Vielen Dank an Tom, Barbara und die Jungs und Mädels von Sportograf für die gigantischen Bilder!!!